Erweiterte Funktionen

Unternehmensverschuldung wird nach Pandemie um weitere 1 Billion USD steigen


13.07.20 11:49
Janus Henderson Investors

London (www.anleihencheck.de) - Noch bevor die Pandemie die Unternehmensbilanzen verhagelte, schnellte die weltweite Unternehmensverschuldung auf neue Höchststände, wie der jährlich neu aufgelegte Corporate Debt Index von Janus Henderson (JHCDI) zeigt, so die Experten von Janus Henderson Investors.

2019 seien die Nettokredite auf den Rekordwert von 8,3 Billionen US-Dollar gestiegen. Das entspreche einem Plus von 8,1% gegenüber dem Vorjahr. Fremdfinanzierte Übernahmen, umfangreiche Aktienrückkäufe, Rekorddividenden und rückläufige Gewinne aufgrund von Handelsspannungen sowie einer weltweiten Konjunkturabschwächung hätten die Finanzmittel von Unternehmen verringert. Global sei somit die Nettoverschuldung letztes Jahr um 625 Milliarden US-Dollar gestiegen und damit so stark wie in keinem anderen der letzten fünf Jahre. Das Kreditwachstum sei in den letzten Jahren durch extrem niedrige Zinsen und entsprechend günstige Kredite angekurbelt worden. Darauf hätten die Zentralbanken mit ihren Stimulierungsmaßnahmen abgezielt.

Die im Corporate Debt Index enthaltenen 900 größten Nicht-Finanzunternehmen der Welt seien derzeit um fast zwei Fünftel (37%) höher verschuldet als 2014, und die Schulden würden erheblich schneller als die Gewinne steigen. Der Vorsteuergewinn dieser Unternehmen sei kollektiv um 9,1% auf 2,3 Billionen US-Dollar gestiegen. Der Verschuldungsgrad, d.h. das Verhältnis zwischen Fremd- und Eigenkapital, sei 2019 auf den Rekordwert von 59% geklettert, gleichzeitig habe der für die Bedienung von Zinsverbindlichkeiten verwendete Gewinnanteil einen neuen Höchststand markiert.

All diese Trends hätten sich mit dem Ausbruch der COVID-19-Pandemie 2020 verstärkt. Die Janus Henderson-Analyse der Rentenmärkte zeige, dass bei den im Corporate Debt Index enthaltenen Unternehmen die Hälfte der Schulden auf börsennotierte Anleihen entfalle. Zwischen Januar und Mai seien zusätzlich Anleihen im Wert von 384 Milliarden US-Dollar ausgegeben worden, was einem Anstieg von 6,6% im Vergleich zum Emissionsvolumen Ende Dezember entspreche. Die Bankkredite seien ebenfalls rasant gestiegen, wenngleich noch keine genauen Zahlen vorlägen. Janus Henderson schätze, dass die Netto-Fremdmittel insgesamt in diesem Jahr um bis zu eine Billion US-Dollar steigen würden, was einem Plus von 12% entspreche.

Mehr als die Hälfte der im Index enthaltenen Unternehmen habe 2019 zusätzliche Schulden aufgenommen, wobei der volumenmäßig größte Anteil auf relativ wenige von ihnen entfallen sei. So hätten nur 25 Unternehmen im vergangenen Jahr zusätzlich 410 Milliarden US-Dollar aufgenommen. Dies entspreche einem Drittel des Anstiegs der Kredite aller Unternehmen, die zusätzliche Fremdmittel aufgenommen hätten.

Die Verschuldung deutscher Unternehmen sei durch die kapitalintensive Automobilindustrie und ihre Aktivitäten im Bereich der Autofinanzierung weltweit die zweithöchste nach den USA. Dies liege auch an den notwendigen Investitionen in emissionsärmere Modelle und neue Technologien - und sei ein weltweiter Trend. Fünf von den zehn am höchsten verschuldeten Unternehmen weltweit seien Automobilhersteller. Drei davon würden aus Deutschland stammen: Volkswagen, Daimler und BMW. Dabei sei Volkswagen das weltweit am höchsten verschuldete Unternehmen und rangiere mit einer atemberaubenden Nettoverschuldung von 192 Milliarden US-Dollar nicht weit hinter der Staatsverschuldung Südafrikas oder Ungarns, was teilweise aber auch auf das Finanzdienstleistungsgeschäft zurückzuführen sei. Die Deutsche Telekom rangiere mit einer Nettoverschuldung von 87 Milliarden US-Dollar international auf Platz elf.

Doch nicht alle Unternehmen würden auf Fremdkapital setzen. Ein Viertel der Unternehmen im Janus Henderson Index sei schuldenfrei, einige würden sogar über enorme Barreserven verfügen. An der Spitze stehe hier der Google-Mutterkonzern Alphabet mit 104 Mrd. US-Dollar. Aktionäre mögen diese vorsichtige Haltung häufig nicht und hätten möglicherweise bessere Verwendungsmöglichkeiten für dieses Kapital, so die Experten von Janus Henderson Investors.

Daniela Brogt, Head of Sales Germany and Austria bei Janus Henderson, erklärte dazu: "Als der Konjunkturzyklus dieses Jahr abrupt endete, reagierten Unternehmen mit einer Rekord-Kreditaufnahme. Durch die Emission neuer Anleihen und Bankkredite versuchen sie sicherzustellen, dass sie über genügend liquide Mittel verfügen, um unterschiedlich stark ausgeprägte Lockdowns weltweit zu überstehen. Einige Unternehmen haben auf dem Höhepunkt der Krise staatliche Nothilfepakete in Anspruch genommen, als die Kapitalbeschaffung auf dem Markt eine Zeit lang sehr teuer war. Nachdem sich die Marktlage dank der Hilfsmaßnahmen der Zentralbanken und dem langsamen Wiederhochfahren der Volkswirtschaften beruhigt hat, werden die Unternehmen ihre Abhängigkeit von staatlicher Unterstützung verringern wollen, sodass wir einen weiteren Anstieg der Anleiheemissionen erwarten.

Fremdfinanzierte Übernahmen, Aktienrückkäufe und Dividenden gehen oft einem konjunkturellen Abschwung voraus. Das war dieses Mal mit Sicherheit der Fall. Mit der weltweiten Rezession werden die Gewinne und Cashflows stark zurückgehen. Der Fremdmittelbedarf wird dieses Jahr enorm sein, obwohl die Unternehmen in unserem Index ihre diesjährigen Dividenden um 140 bis 300 Milliarden US-Dollar kürzen, Aktienrückkäufe drastisch reduzieren, Übernahmen auf Eis legen und die Investitionsausgaben senken werden. Viel wird davon abhängen, inwiefern frisch beschafftes Kapital ausgegeben oder als Barreserve gehalten wird und in welchem Umfang Unternehmen neue Aktien ausgeben, um ihre Bilanzen zu stärken. Klar ist aber, dass die Nettoverschuldung von Unternehmen 2020 auf einen neuen Rekord steigen und bis zu einer Billion US-Dollar über dem Niveau von 2019 liegen wird.

Kredite sind an sich nichts Schlechtes, solange sie angemessen sind, da sie die Aktionärsrenditen erhöhen können. Anleihen bieten interessante Anlagemöglichkeiten. Angesichts niedriger Zinsen sind die Unternehmen im Großen und Ganzen in der Lage, ihre Schulden zu bedienen. Solange Unternehmen über ausreichende Barmittel verfügen, um den Lockdown zu überbrücken, können die Renditen von Unternehmensanleihen für Anleger möglicherweise zunehmend attraktiver werden.

Wie immer, agieren einige Unternehmen besser als andere. Für uns als Bond-Anleger kommt es vor allem darauf an, dass ein Unternehmen seine Schulden zurückzahlen kann. Insbesondere werden wir nach Anzeichen Ausschau halten, ob ein Unternehmen seine Position stärkt, sobald sich die Lage aufhellt - indem es überschüssige Cashflows zur Tilgung von Schulden verwendet, anstatt sie auszugeben, oder indem es neue Aktien ausgibt, um die Mischung aus Eigen- und Fremdkapitalfinanzierung neu auszuloten. Das treibt die Anleihepreise nach oben und beschert Kapitalerträge für Anleger." (13.07.2020/alc/a/a)