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Inflationsangst: Kurzfristige Preisspitzen oder handfeste Bedrohung?


07.05.21 13:00
LYNX Broker

Berlin (www.anleihencheck.de) - Ein Gespenst geht um, sein Name: Inflation, so die Experten von LYNX Broker.

Seit Anfang des Jahres würden die Preise für Rohstoffe wie Holz, Aluminium und Stahl, aber auch für die in vielen Bereichen wichtigen Halbleiter immer stärker ansteigen. Für die gerade wieder Fahrt aufnehmende US-Industrie sei das ein Problem, denn gleichzeitig wachse die Nachfrage nach Häusern, Autos, Elektrogeräten und anderen Waren und Dienstleistungen, die auf genau diese Rohstoffe angewiesen seien. Bereits jetzt hätten Unternehmen wie Procter & Gamble angekündigt, die gestiegenen Produktionskosten demnächst an die Verbraucher weiterzugeben. Doch sei die Angst vor einer sprunghaft ansteigenden Inflation tatsächlich berechtigt oder handle es sich lediglich um Anlaufschwierigkeiten in vielen Industriezweigen nach dem monatelangen Lockdown?

Sascha Sadowski, Marktexperte beim Online-Broker LYNX, mache insbesondere drei Faktoren für die stark gestiegenen Preise in vielen Wirtschaftszweigen verantwortlich. "Wenn die Nachfrage eines Produkts das Angebot übersteigt, sind höhere Preise unvermeidlich. Das ist einfach ein grundlegendes Prinzip der Marktwirtschaft. Die Auswirkungen der Pandemie auf globale Lieferketten sorgen nun dafür, dass bestimmte Güter nicht in ausreichender Menge zur Verfügung stehen. Hinzu kommt, dass viele Amerikaner langsam aber sicher wieder anfangen, Geld auszugeben. Das verschärft die Lage zusätzlich. Und dann sind da natürlich auch noch die Strafzölle als Überbleibsel von Ex-Präsident Trumps Handelskrieg, die die Preise für Importe aus vielen Ländern zusätzlich in die Höhe treiben. Zusammengenommen ist das eine denkbar ungünstige Gemengelage, in der die Angst vor einer drohenden Inflation natürlich prächtig gedeiht."

Sowohl bei der US-Notenbank FED, als auch im Weißen Haus sei man sich dessen durchaus bewusst, schätze die Lage aber bei weitem nicht so gravierend ein. Insbesondere die FED sei über die Preissteigerungen nicht übermäßig besorgt, sondern betrachte diese als ein vorübergehendes Phänomen. "Jerome Powell geht offenbar davon aus, dass sich das Problem von selbst erledigen wird, wenn die Wirtschaft wieder auf Touren gekommen ist. Erst kürzlich sagte er, dass kurzzeitige Preisspitzen zu erwarten gewesen wären", erkläre Sadowski. "Im Weißen Haus sieht es ähnlich aus. Auch hier nimmt man die Angst vor Inflation zwar ernst, rechnet jedoch nicht damit, dass die Preise auf Dauer überhitzen werden. Hinzu kommt, dass man hier die Verantwortung für die Preisstabilität in erster Linie bei der FED verortet und nicht bei der Regierung. Helfen könnte es, wenn die US-Regierung die von Bidens Vorgänger verhängten Strafzölle beispielsweise gegen China aufheben würde. Dann würden die Preise für importierte Güter sinken. Allerdings ist man in Washington mit diesem Schritt zögerlich, vielleicht aus Angst, dass das als Schwäche ausgelegt werden könnte."

Am Beispiel der für so viele Industriezweige so wichtigen Halbleiter zeige sich jedoch, dass es doch ein tiefer gehendes Problem geben könnte. Gerade in diesem Bereich sei die US-Regierung auf funktionierende globale Lieferketten angewiesen, diese würden jedoch weiterhin an den Auswirkungen der Pandemie leiden. "Bereits jetzt mussten die großen US-Automobilhersteller wie General Motors oder Ford ihre Produktion an manchen Standorten zeitweise anhalten, weil die benötigten Mikrochips gefehlt haben. Es wurden aus der Branche sogar schon Forderungen laut, dass die US-Regierung bei den Chipherstellern darauf drängen solle, dass die Automobilbranche bevorzugt beliefert wird. Das hat allerdings zu heftigen Protesten anderer Branchen geführt, die ebenfalls auf Mikrochips angewiesen sind, um die Produktion aufrechtzuerhalten."

Zumindest bei der Chipproduktion habe Präsident Biden mittlerweile angekündigt, dass er für Abhilfe sorgen wolle. So solle ein Programm in Höhe von 50 Milliarden US-Dollar aufgelegt werden, um die Forschung und Produktion in den USA zu fördern. Auch ein virtuelles Gipfeltreffen mit Branchenvertretern und der US-Regierung habe bereits stattgefunden.

"Man darf aber daran zweifeln, dass das Programm die Probleme in absehbarer Zeit lösen wird. Selbst bei bestehenden Unternehmen und Produktionsstätten kann es bis zu einem halben Jahr dauern, bis eine Bestellung von Mikrochips ausgeliefert werden kann. Neue Produktionskapazitäten zu schaffen ist ein überaus aufwendiges Projekt, das nicht innerhalb weniger Monate gestemmt werden kann. Sinnvoller wäre es in der aktuellen Situation tatsächlich die Strafzölle zumindest teilweise wieder zurückzunehmen oder weiteren Unternehmen und Branchen mit Ausnahmegenehmigungen unter die Arme zu greifen." (Ausgabe vom 06.05.2021) (07.05.2021/alc/a/a)