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US-Börsen reagierten mit deutlichen Kursrückgängen auf Aussagen von Janet Yellen


07.05.21 12:45
Weberbank

Berlin (www.anleihencheck.de) - In den letzten Jahren hat sich eine dramatische Abhängigkeit der Börsen von immerwährenden Liquiditätsspritzen der Notenbanken aufgebaut, so Jens Herdack von der Weberbank.

Dies habe sich jüngst wieder recht anschaulich erkennen lassen, als die US-Börsen mit deutlichen Kursrückgängen auf die Aussage der ehemaligen FED-Chefin und jetzigen Finanzministerin der USA reagiert hätten, dass womöglich höhere Zinsen notwendig wären, um ein Überhitzen der US-Wirtschaft zu verhindern.

Ex-Präsident Donald Trump habe Joe Biden im Wahlkampf immer wieder despektierlich als sleepy, also schläfriger Joe bezeichnet. Doch derzeit scheine der US-Präsident eher zum speedy - schnellen - Joe zu mutieren. Nicht nur, dass er sein ambitioniertes Impfziel schneller erreicht und damit die USA vom Schlusslicht zu einem der am weitest fortgeschrittenen Länder bezüglich des Impffortschritts katapultiert habe. Nein, er sei auch Billionen Dollar als Hilfsprogramme ins System geschossen.

Seine neuesten Projekte, der "American Jobs Plan" und der "American Families Plan" würden sich auf ein unfassbares Volumen von 4,1 Billionen - also 4.100.000.000.000 - US-Dollar belaufen. Mit dieser Geldmenge wäre es möglich, ein Drittel der kompletten Landoberfläche der Erde mit Ein-Dollar-Scheinen zu bedecken. Konjunkturpakete dieser Größenordnung würden das Wachstum der US-Volkswirtschaft, welches im ersten Quartal annualisiert über 6 Prozent gelegen habe, weiter antreiben. Dank enormer staatlicher und geldpolitischer Unterstützung habe das Bruttosozialprodukt der USA bereits wieder fast sein Vor-Corona-Niveau erreicht.

Dementsprechend sei sich die US-Notenbank durchaus der Problematik bewusst, dass der Beginn einer Reduzierung der Liquiditätsversorgung bzw. schon deren Ankündigung sehr vorsichtig erfolgen müsse, wolle sie Turbulenzen an den Märkten vermeiden. Wie sensibel diese Thematik von den Marktteilnehmern aufgenommen werde, habe scheinbar die Vorgängerin des jetzigen Notenbankpräsidenten und jetzige Finanzministerin Janet Yellen bei ihren Aussagen am 4. Mai zunächst vergessen. Hier habe sie zu bedenken gegeben, dass ein höheres Zinsniveau erforderlich sein könnte, um ein Überhitzen der US-Wirtschaft vor dem Hintergrund der Biden-Programme zu vermeiden. Eines müsse man ihr lassen: Sie liege damit sicherlich richtig, denn Joe Biden würde die ohnehin schon sehr gut laufende US-Wirtschaft mit seinen neuen Plänen noch stärker befeuern.

Auf der anderen Seite treibe er auch die Überlegungen zur Finanzierung seiner Pläne voran. Während er den "American Jobs Plan" über eine Erhöhung der Unternehmenssteuern finanzieren möchte, solle der "American Families Plan" durch die Besteuerung der Top-Verdiener des Landes erfolgen. Damit treffe er durchaus den Nerv vieler Amerikanerinnen und Amerikaner, die sich zurecht daran stören würden, dass der überwiegende Teil der Steuereinnahmen des Staates inzwischen durch die Besteuerung ihrer Gehälter generiert werde, während sich die bestverdienenden Großkonzerne häufig legal der Steuerlast entziehen könnten. Noch seien die Programme Joe Bidens aber mitnichten umgesetzt, und es dürften noch viele Diskussion vor "speedy" Joe liegen.

Während die USA nicht kleckern, sondern klotzen würden, könne man den Eindruck gewinnen, dass Europa nicht nur bei den Impfquoten deutlich hinter den Amerikanern zurückhänge. So sei der europäische Wiederaufbaufonds immer noch nicht von allen Staaten ratifiziert, und es mangele gar an Meldungen der Länder, die eigentlich konkrete Pläne für die Nutzung der ihnen zugedachten Milliarden angeben sollten. Und selbst die Europäische Zentralbank habe sich jüngst von diesem Zaudern anstecken lassen. So habe man bei ihrer letzten Pressekonferenz ein klares Bild vermisst, wohin die Reise geldpolitisch gehen solle. Zwar seien die Anleihekäufe jüngst erhöht worden, wie aber die Liquiditätsprogramme genau fortgesetzt werden sollten und inwieweit man einen weiteren Renditeanstieg zulassen wolle, das sei die EZB schuldig geblieben.

Somit hätten sich auch die Märkte nicht überzeugt vom Willen der Notenbänker gezeigt, die Zinsen um jeden Preis im Zaum zu halten, was die Renditen der europäischen Staatsanleihen weiter steigen und die Kurse vice versa habe fallen lassen. Immerhin würden sich die Impfungszahlen weiter positiv entwickeln, sodass eine Normalisierung innerhalb der EU zum Greifen nahe scheine.

Sell in May? Diese ewige Börsenweisheit schwingt natürlich immer mit, wenn der Mai vor uns liegt, so Jens Herdack. Ebenso häufig hätten die Analysten auch schon über das Thema geschrieben. Die Historie lehre, dass es keinesfalls ausgemachte Sache sei, dass ein Verkauf im Mai sich als vorteilhaft erweise. Aber insgesamt sei festzustellen, dass insbesondere die Aktienmärkte zuletzt sehr kräftig gestiegen seien, was eine gewisse Konsolidierungsphase nicht unwahrscheinlich erscheinen lasse. Fakt bleibe aber, dass der immense konjunkturelle Rückenwind der US-Volkswirtschaft die Gewinne der Unternehmen weiter befeuern werde. Die Diskussion um mögliche zukünftige Rückführungen der Liquiditätsmaßnahmen der Notenbanken dürfte in diesem Konzert aber durchaus immer wieder für zwischenzeitliche nervöse Schwankungen sorgen, was die Titelauswahl umso wichtiger erscheinen lasse. (07.05.2021/alc/a/a)