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Green Bonds & Social Bonds der EU: Geeignete Alternative zu Kernstaaten-Staatsanleihen?


18.05.21 15:34
BANTLEON AG

Hannover (www.anleihencheck.de) - Durch den EU-Wiederaufbaufonds ist eine Flut an Anleihenemissionen der EU zu erwarten: 30% des Gesamtvolumens von 750 Milliarden Euro, also 225 Milliarden Euro, sollen in Klimaschutzprojekte fließen und folglich über EU-Green-Bonds finanziert werden, so Marcio da Costa, Portfolio Manager SSA & Green Bonds bei BANTLEON.

Mit dem Scheitern des Eilantrags vor dem Bundesverfassungsgericht gegen die deutsche Ratifizierung sei der Weg zur Lancierung des Wiederaufbaufonds praktisch geebnet. Mit dem Beginn der Emission der EU-Green-Bonds sei daher aller Voraussicht nach ab Juli/August zu rechnen. Damit dürfte die EU künftig größter Green-Bond-Emittent werden und dem Green-Bond-Markt weiterhin zu überproportionalen Wachstumsraten verhelfen. Dabei stelle sich die Frage, ob Anleihen der Europäischen Union, insbesondere Green Bonds und Social Bonds, eine Alternative zu Staatsanleihen der Euro-Kernstaaten werden könnten.

Anleihen der Europäischen Union würden bereits seit geraumer Zeit nahe dem Niveau von Kernstaaten-Staatsanleihen rentieren. Anleihen mittlerer Laufzeit würden nur einen Renditeaufschlag von wenigen Basispunkten gegenüber französischen oder österreichischen Staatsanleihen bieten. Dies liege an der hohen Liquidität der Anleihen und der vergleichbaren Bonität des Emittenten, die auf der höchsten Bonitätsstufe "AAA" liege. Einzig die Ratingagentur S&P vergebe für die EU noch ein Rating von "AA" mit positivem Ausblick. Dieses Rating sollte sich aber auf "AAA" verbessern, was den Risikoaufschlag der EU-Anleihen weiter reduzieren dürfte. Die Renditen von EU-Anleihen würden folglich weiter in Richtung des Niveaus von "AAA" Staatsanleihen sinken.

Mit dem wachsenden ausstehenden Emissionsvolumen nehme auch der Anteil der EU-Anleihen in breiten Marktindizes zu. Der Anteil sei mit derzeit 1% des breiten europäischen Anleihenmarktes noch gering, könne aber unter Berücksichtigung des vollen Emissionsvolumens von 750 Milliarden Euro auf über 7% steigen. Damit hätten EU-Anleihen in gängigen Marktindices ein ähnlich hohes Gewicht wie deutsche Bundesanleihen. Der genaue Anteil hänge allerdings vom Wachstum des breiten Anleihenmarktes in den kommenden Jahren ab. Am Green-Bond-Markt hingegen würden EU-Anleihen schon bald den größten Teil einnehmen.

Mit einem Volumen von 36 Milliarden Euro und 8% Marktanteil sei Frankreich derzeit größter Green-Bond-Emittent. Dieses Volumen dürfte unter der Annahme eines proportionalen Emissionsfortschritts bereits im laufenden Jahr durch die EU erreicht und dann rasch deutlich übertroffen werden. In diesem Jahr habe die EU bislang erst konventionelle Anleihen und Social Bonds für 35 Milliarden Euro begeben. Unter Berücksichtigung der Emissionsprognose der EU (etwa 170 Milliarden Euro für 2021), werde sie noch etwa 135 Milliarden Euro aufnehmen müssen, was zum Jahresende bei einem 30%igen Anteil an Green Bonds einem Anteil von 8% am Green-Bond-Markt entspreche. Für Investoren mit starker Benchmarkorientierung führe künftig kein Weg mehr an EU-Anleihen vorbei.

Ein bedeutender Indikator für liquide und entwickelte Märkte sei das Vorhandensein liquider Derivate auf die jeweilige Assetklasse. Für deutsche, französische und italienische Staatsanleihen bestünden über die Terminbörse Eurex liquide Märkte für Futures, die zu Absicherung oder Spekulationszwecken genutzt werden könnten. Für EU-Anleihen gebe es sie nicht. In Anbetracht der künftigen Größe und Liquidität der EU-Anleihen, die in etwa auf dem Niveau ausstehender deutscher Staatsanleihen liegen dürften, sei nicht auszuschließen, dass später auch Futures auf EU-Anleihen verfügbar sein würden. Derzeit sei dies noch ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal.

Für Investoren, die ihr Portfolio im Umfeld politischer Ereignisrisiken weiter diversifizieren möchten, seien EU-Anleihen schon jetzt eine interessante Alternative zu Kernstaaten-Staatsanleihen. So habe die französische Präsidentschaftswahl im Jahr 2017 die Anleihenmärkte kräftig durchgerüttelt. Grund dafür sei der überraschend hohe Stimmenanteil für die rechtspopulistische Kandidatin Marine Le Pen gewesen. Die kommenden Präsidentschaftswahlen im Mai 2022 könnten zu einem Déjà-vu führen, denn Le Pen führe in Umfragen bereits jetzt knapp vor ihrem Konkurrenten Emmanuel Macron. EU-Anleihen dürften sich aber wegen der nun deutlich ausgeprägteren Solidargemeinschaft der EU-Staaten stabiler entwickeln als französische Staatsanleihen.

EU-Anleihen würden sich schon heute als Ergänzung zu Kernstaaten-Staatsanleihen eignen. Sie würden zusätzliches Diversifikationspotenzial bieten und seien wegen der künftig hohen Anzahl an Green Bonds und Social Bonds wichtige Zielinvestments für Anleger mit Nachhaltigkeitsfokus. Perspektivisch würden sie aufgrund des emittierten Anleihenvolumens eine große Bedeutung in breiten Anleihenbenchmarks und damit auch in benchmarkorientierten Strategien einnehmen. Investoren könnten schon jetzt beginnen, EU-Anleihen ihren Portfolios beizumischen und so von der wachsenden Popularität des supranationalen Emittenten profitieren. (18.05.2021/alc/a/a)